59. Jahrestagung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache

Orthographie in Wissenschaft und Gesellschaft

14. bis 16. März 2023
Congress Center Rosengarten Mannheim

Organisation: Prof. Dr. Mechthild Habermann, Dr. Sabine Krome, Prof. Dr. Henning Lobin, Prof. Dr. Angelika Wöllstein

Wissenschaftliche Multiperspektivität

Das Schriftsystem ist die im graphischen Medium realisierte Variante des Sprachsystems. Das System von Sprachregularitäten wird in theoretischen Modellen rekonstruiert und bildet die Gegenstände der Orthographieforschung. Orthographie wiederum muss als die Auswahl unter zulässigen Formen verstanden werden, die regulär im System angelegt sind. Die Orthographie als beobachtbarer Gegenstand ist historisch gewachsen und Mitgliedern einer Sprach- und Schreibgemeinschaft mit den verfügbaren Regularitäten zugänglich bzw. wird von ihnen erworben. Orthographie muss insofern auch verstanden werden als von der Schreibgemeinschaft getroffene Auswahl aller interagierenden schriftbezogenen Regularitäten einer Sprache, die dem System aller prinzipiell möglichen Schreibformen des Deutschen entsprechen.

Kann eine Festlegung innerhalb des Variantenspektrums von im Schriftsystem möglichen Schreibungen durch die Mehrheit der Schreibenden beobachtet werden und tritt sie überregional in einer expliziten Schreibung in Erscheinung, bildet dies die Basis und Voraussetzung für die verbindliche Festlegung als Norm. Auch normative Festlegungen bleiben in der Regel innerhalb dessen, was vom System zu einem bestimmten Zeitpunkt abgedeckt ist. Normierung befindet sich damit aber im Spannungsfeld eines Wandels, der im Schreibgebrauch kontinuierlich beobachtet werden muss. Die wichtigste Funktion der Normierung ist die Schaffung eines überregional gültigen Standards in der Orthographie im gesamten deutschsprachigen Raum. Die Reflexion von Norm sowie die Grundlagenforschung zum Schriftsystem – insbesondere auch im Hinblick auf seine Entwicklungstendenzen und die sie bedingenden Faktoren – ist Aufgabe der Forschung.

Die Tagung soll einen Überblick geben zur Forschung zum Schriftsystem des Deutschen und dem beobachtbaren Ausdruck dessen in der Schreibung (Orthographie), aber auch im Vergleich zu anderen Sprachen, zur Systematik und zur Verwendung der Interpunktionszeichen sowie zu der Weiterentwicklung der Methoden zur Ermittlung des Schreibgebrauchs – insbesondere des nativen und des hochdynamischen (Fremd-)Wortschatzes mit zahlreichen (Fremdwort-)Neologismen sowie der Forschung zu orthographischen Zweifelsfällen.

Mit dem Zugang zu umfangreichen Datenmengen und sprachsystematischer Expertise in der Orthographieforschung im deutschsprachigen Raum sind innovative Schriftsystemforschung, intensive und extensive Schreibgebrauchserhebungen synchron und diachron sowie die wissenschaftliche Einordnung der Schreibbeobachtungen relativ zu interagierenden schriftbezogenen Regularitäten möglich.

Gesellschaftliche Multiperspektivität

Seit dem Erscheinen des ersten Amtlichen Regelwerks für die deutsche Rechtschreibung im Jahr 1996 und der langjährigen kritischen Auseinandersetzung der Öffentlichkeit mit der Rechtschreibreform fand auch eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung damit in der Orthographieforschung statt. Mit der Einrichtung des Rats für deutsche Rechtschreibung 2004 durch staatliche Stellen aller 7 deutschsprachigen Länder und Regionen und der vom Rat erarbeiteten Neuregelung 2006 schien die Schreibgemeinschaft befriedet, die neuen Normen wurden staatlich übergreifend fixiert.

Dabei stellt gerade das Jahr 2006 einen überaus interessanten Wendepunkt im Hinblick auf eine dynamische Entwicklung der Orthographie aus verschiedenen (Forschungs-)Perspektiven dar: Schriftlinguistisch konnte das Thema Rechtschreibreform im Jahr 1996 mit der angemessenen Distanz reflektiert und kritisch beleuchtet werden. Ein wesentlicher Impuls zu einer Neuausrichtung in der Arbeit des Rats für deutsche Rechtschreibung zu einer methodisch-empirisch reflektierten orthographischen Forschung stützt sich insbesondere auch auf Entwicklungen in Korpuslinguistik und Sprachtechnologie. Diese schufen zum einen die Voraussetzungen für deutlich validere Analyse- und Auswertungsmöglichkeiten des Schreibgebrauchs, zum anderen erweiterten sie das Methodenspektrum im Hinblick auf neue lexikographische Entwicklungen und aktuelle mediale Formen, die eine stärkere Nutzungsperspektive einnehmen.

Orthographieforschung im Kontext von Faktoren schriftsprachlichen Wandels, Bildung und Gesellschaft

Orthographie als einziger amtlich normierter Bereich der deutschen Sprache ist ein interessanter Gradmesser für die Identifikation von Faktoren, die Veränderungen auf verschiedenen Ebenen mitbestimmen. Auskunft darüber geben könnten Schreibwandelprozesse, die als Reflexion gesellschaftlicher Veränderungen beleuchtet werden: im Hinblick auf die Entwicklung von Fremdwort-Neologismen, aber etwa auch in Bezug auf das Thema der Möglichkeiten und Grenzen geschlechtergerechter Schreibung.

Die nationale und internationale Forschung steht im Kontext interessanter Entwicklungen, welche die internationale Tagung multiperspektiv ausloten möchte: die orthographietheoretischen Hintergründe im Hinblick auf Graphematik und Schriftsystem, die Methodenvielfalt, die Reflexion von Norm und Schreibgebrauch mit den Variationsmöglichkeiten der Schreibung und den inhärenten orthographischen Zweifelsfällen sowie die konzeptionellen Möglichkeiten der Umsetzung und des Zugangs zu orthographischen Normen in Regeln und Wörterverzeichnissen in analoger und digitaler Form.

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen, dass der Prozess der Literalisierung – insbesondere der Schrift- und Orthographieerwerb – und die fortwährende und nachhaltige Entwicklung von Sprachbildung für viele an eine erhebliche Restrukturierung des impliziten Sprach- und Schriftsystemwissens gebunden ist (man denke an DaF/DaZ, Mehrsprachigkeit, gesprochene Sprache, Erwerbskonzepte). Somit bildet die Vermittlung von Wissen über das Schriftsystem und die Orthographie des Deutschen einen weiteren zentralen Komplex: die Gestaltung des wichtigen Transferprozesses von orthographischem Wissen in der Schule, in Bildungseinrichtungen allgemein und in der Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang ist Folgendes kritisch zu diskutieren: Welchen Stellenwert nimmt die Orthographie im Kontext sprachlicher Grundbildung und anderer (Kern-)Kompetenzen ein? Kann sie in andere Bereiche wie Sprachbewusstsein und Sprachreflexion hineinwirken? Könnte daraus eine Neuausrichtung des Bildungsbegriffs resultieren? Das sind drängende Fragen, die sich in der aktuellen bildungspolitischen Debatte nach wie vor stellen.

Ein interessanter Vergleichspunkt könnten dabei Forschungsstudien zu Orthographie-Entwicklungen auch der internationalen Germanistik sein: Zu diskutieren wäre hier das Spannungsfeld der Identifikation von Einheitlichkeit der (deutschen) Rechtschreibung einerseits und nationaler Eigenständigkeit andererseits, wie sie sich auch in länderspezifischer orthographischer Variation in den deutschsprachigen Ländern und Regionen zeigt.

Grundsätzliches Anliegen der Tagung mit einem vielschichtigen Themenspektrum ist es, das Spannungsfeld von System, Schreibgebrauch, -beobachtung, Norm und Wandel in der Sprachgemeinschaft zu beleuchten, den Stellenwert der Orthographie für andere Bildungsbereiche zu diskutieren und Methoden des Erwerbs und Werkzeuge der Vermittlung von orthographischem Wissen zu reflektieren. Darüber hinaus sollen Faktoren des Schreibwandels identifiziert werden und der Norm- wie der Schreibgebrauchsbegriff in ihren verschiedenen Facetten reflektiert werden, um Aufschluss über das Wechselverhältnis von Norm und Schreibgebrauch zu erhalten. Dabei soll hinterfragt werden, ob sich der statische Normbegriff mit den Veränderungen im Schreibgebrauch zu einer dynamischen Größe hin entwickeln kann.

Die Tagung wird die Orthographie aus den Blickwinkeln Wissenschaft und Gesellschaft in den Fokus nehmen und folgende drei Schwerpunkte setzen: Theorie und Empirie, Vermittlung orthographischen Wissens im Bildungsbereich und Orthographie im öffentlichen Raum. Zu diesen Schwerpunkten sollen folgende Themen fokussiert werden:

  • die Bandbreite des Themas aus spezifischen Perspektiven: Internationalität, Orthographieforschung, Vermittlung orthographischen Wissens in Schule, Behörden, Öffentlichkeit; Grenzbereiche: Schriftsystemeinheiten und typographische Einheiten (Genderneutrale Kennzeichnungen etc.))
  • das Spannungsfeld, in dem sich die Orthographie-Entwicklung in Geschichte und Gegenwart bewegt (System, Schreibgebrauch, Norm)
  • Vernetzungen mit anderen (Forschungs-)Bereichen und gesellschaftlichen Themen
  • neue konzeptionelle Ansätze des Zugangs zu orthographischen Regeln
  • verschiedene lexikographische Forschungsansätze, Methoden und Umsetzungsvarianten
  • Perspektiven für künftige Rechtschreibdokumentationen aus Nutzungsperspektive sowie neue mediale Möglichkeiten
  • die Diskussion zu einem dynamischen Normbegriff
  • ein Überblick über die aktuelle Rechtschreibung im Kontext internationaler Orthographie-Entwicklungen (in deutschsprachigen Ländern und Regionen)
  • die Zusammenführung von Orthographieforschung, empirischer Schreibbeobachtung und fachlexikographischer Umsetzung