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Zur Sache: Hochdeutsch und Standardsprache
Warum eine neue Untersuchung?
Ziele der Untersuchung
Angestrebte Ergebnisse
Durchführung der Studie
Teilnehmerprofil
Erhebungsmethoden
Frühere Erhebungen - bisheriger Forschungsstand
Literatur in Auswahl

Zur Sache: Hochdeutsch und Standardsprache

Dialektgebiete (zum Vergrößern die Karte bitte anklicken)     (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bei der Bevölkerung in den deutschsprachigen Ländern besteht traditionell ein weitgehender Konsens darüber, welche Sprachform als das beste gesprochene Hochdeutsch angesehen wird: Zum einen wird es von Schauspielern und überregionalen Nachrichtensprechern verwendet, zum anderen glaubt man, dass es eigentlich nur in Norddeutschland, besonders im Raum Hannover, von der Bevölkerung tatsächlich gesprochen wird.
Aber auch in Österreich und in der Schweiz, in Mittel- und Süddeutschland und den anderen Ländern, in denen Deutsch Staats- oder Amtssprache ist, werden natürlich je nach Situation Sprachformen gesprochen, die sich an der schriftlichen Form des Deutschen orientieren und die dort die übliche Version der Standardsprache sind. Der wesentliche Unterschied zum in Norddeutschland gesprochenen Hochdeutschen liegt dabei vor allem im Bereich der Aussprache. Im Fall von Österreich und der Schweiz kommen noch lexikalische und in geringem Umfang auch Unterschiede auf anderen grammatikalischen Ebenen hinzu. Die Auffassung, dass es drei gleichberechtigte nationale Standards des Deutschen gibt (wie das auch für den englischsprachigen Raum seit langem angenommen wird), ist heute in der Germanistik Allgemeingut, wenn auch aufgrund der reinen Sprecherzahlen eine Asymmetrie nicht in Abrede gestellt werden kann, die das deutschländische Deutsch zur dominanten Varietät macht. Die vor allem durch die Aussprache bestimmten, subnationalen Varietäten des Deutschen werden z.T. als (regionale) Akzente oder, sinnvollerweise dann, wenn es nicht nur um die Aussprache geht, als regionale (Gebrauchs-)Standards bezeichnet, deren Reichweite v.a. traditionelle Dialektgliederungen umfasst. Sie müssen als Bestandteile der deutschen Standardsprache betrachtet werden, weil sie von den SprachteilnehmerInnen auch in formellen und öffentlichen Situationen im regionalen Kontext als angemessen angesehen und verwendet werden. Die Präzisierung "Gebrauchsstandard" dient vor allem der Hervorhebung der Tatsache, dass die darin auftretenden Varianten zwar im aktiven Gebrauch weit verbreitet sind, aber oft in den überwiegend präskriptiv ausgerichteten Kodizes (insbesondere solchen zur Aussprache) entweder gar nicht aufgeführt oder als umgangssprachlich markiert sind.
Auch das "Hochdeutsch" mancher Regionen Norddeutschlands ist demnach nichts anderes als deutsche Standardsprache mit norddeutschem Akzent gesprochen. Das Deutsche ist aufgrund seiner Geschichte auch heute noch eine sogenannte plurizentrische Sprache, d.h. es gibt nicht wie z.B. in Frankreich mit Paris eine einzige vorbildhafte Sprachform, sondern es bestehen mehrere, regionale und nationale Zentren, deren Sprachform vorbildhaft wirkt.

Warum eine neue Untersuchung?

Die letzte umfassende Studie zur Variation der gesprochenen Standardsprache liegt 30 Jahre zurück und betraf nur die alten Bundesländer in Deutschland. Seitdem haben sich der Sprachgebrauch und die Spracheinstellungen, vor allem durch den Einfluss der Medien und die zunehmende Mobilität der Bevölkerung, deutlich gewandelt. Verschiedene Einzelstudien ermöglichen zwar einen Einblick in das Varietätenspektrum zwischen Dialekt und Standardsprache und zeigen damit auch regionale Besonderheiten der deutschen Standardsprache. Der punktuelle Charakter dieser Studien und deren unterschiedliche Untersuchungsmethoden und Zielsetzungen lassen jedoch kein umfassendes Bild für den gesamten deutschsprachigen Raum zu.

Die Auswertung des Korpus "Deutsch heute" soll ein differenziertes Bild über die gesprochene Standardsprache in den verschiedenen Regionen des gesamten deutschen Sprachgebiets ergeben.

Die Sprachdaten zum gegenwärtig gesprochenen Standarddeutsch, die in diesem Projekt gesammelt werden, sind erforderlich

  • für eine realistische, empirisch fundierte Darstellung der gesprochenen deutschen Standardsprache in Grammatiken und Wörterbüchern,
  • für den Bereich Deutsch als Fremdsprache, um der Auslandsgermanistik Informationen über die tatsächlich gesprochene deutsche Sprache zur Verfügung zu stellen,
  • für den Bereich Deutsch als Zweitsprache, um Hilfsmaterialien zur Varietätenvielfalt im deutschen Sprachraum zur Verfügung zu stellen,
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Ziele der Untersuchung

Die Studie 'Deutsch heute' hat zum Ziel, umfassende Sprachdaten zur Vielfalt der deutschen Standardsprache zu erheben. Diese Daten erlauben Rückschlüsse über die gegenwärtigen Existenzformen der gesprochenen Standardsprache in den verschiedenen deutschsprachigen Ländern und Regionen.

1. Korpusbildung (Datensammlung) zur gesprochenen Standardsprache:
  • In einem ersten Schritt ging es darum, als Forschungsgrundlage ein modernes Sprachkorpus zur gesprochenen deutschen Standardsprache zusammenzustellen.
  • Das Sprachkorpus setzt sich aus den beiden Teilen Vorlesesprache und Spontansprache zusammen.
2. Analyse und Beschreibung der Variabilität in der Standardsprache:
  • Variation kommt auf allen Ebenen der gesprochenen Sprache vor. Untersucht werden sollen v.a. Ausspracheunterschiede, aber auch morphologische, syntaktische und lexikalische Besonderheiten und pragmatische Spezifika im gesamten deutschsprachigen Raum.
  • Beschrieben werden soll insbesondere Variation im Raum, d.h. wie die Standardsprache auf regionaler und nationaler Ebene ausgeprägt ist.
  • Untersucht werden soll auch die stilistische Variation, die sich aus den beiden unterschiedlichen Korpusteilen Vorlesesprache und Spontansprache ergibt.
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Angestrebte Ergebnisse

  • Als Ergebnis soll eine internetbasierte Informationsplattform, der "Atlas zum Gebrauchsstandard des Deutschen", entstehen, díe umfangreiche Informationen über die Form und den Gebrauch von typischen Varianten der gesprochenen Standardsprache anbietet. Eine kartographische Darstellung wird dabei die areale Reichweite einzelner Varianten im deutschen Sprachraum veranschaulichen.
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Durchführung der Studie

  • Zeitpunkt der Datenerhebung: Oktober 2006 - Januar 2009
  • Erhebungsorte: Im ganzen deutschsprachigen Raum wurden nach bestimmten Kriterien Orte festgelegt, an denen die Erhebungen stattfanden (vorwiegend Großstädte und ihr Umland, aber auch ländlichere Regionen).
  • Gewinnung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Interessierte Personen wurden über die örtlichen Gymnasien und Volkshochschulen kontaktiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden dann zu vereinbarten Terminen vor Ort in den Räumen des Gymnasiums bzw. der Volkshochschule interviewt.
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Teilnehmerprofil

Um regionalspezifischen Sprachgebrauch festzustellen und Sprachwandel nachweisen zu können, müssten die an der Studie teilnehmenden Personen bestimmte Kriterien erfüllen. Es sollen Sprecherinnen und Sprecher sein, deren Sprachform in ihrer Generation als typisch/üblich für den jeweiligen Erhebungsort angesehen werden kann.

  • Altersgruppe: Es werden zwei Altersgruppen untersucht.
    • Altersgruppe 1: Junge Generation. Um einen möglichst modernen Sprachstand zu erheben, wird die Sprache von jungen Erwachsenen im Alter von ca. 17-20 Jahren untersucht. Sprachdaten von dieser Altersgruppe wurden an 167 Orten im deutschen Sprachgebiet von insgesamt 671 Personen erhoben.
    • Altersgruppe 2: Erwachsene (ca. 50-60 Jahre). Um Aussagen zum Sprachwandel* treffen zu können, wurde an 84 Orten auch die Sprache von 158 Personen erhoben, die heute 50-60 Jahre alt und in den 50er- und 60er-Jahren aufgewachsen sind.

  • Ortsansässigkeit: Damit sich ein typischer regionalspezifischer Sprachgebrauch zuverlässig feststellen lässt, war die Grundbedingung, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Aufnahmeort oder in dessen Nähe geboren und aufgewachsen sind und dort auch die meiste Zeit ihres Lebens verbracht haben.
  • Herkunft der Eltern: Zumindest ein Elternteil sollte aus dem Aufnahmeort oder dessen Umgebung stammen, damit sichergestellt war, dass die- oder derjenige mit einer für die Gegend typischen Sprachform aufgewachsen ist. Zu 95% erfüllen die Teilnehmer die beiden vorgenannten Punkte.
  • Geschlecht: Männer und Frauen sollen in der Untersuchung zu möglichst gleichen Anteilen vertreten sein. Aufgrund einer höheren
  • Schulbildung: Die Altersgruppe 1 soll das Abitur bzw. die Matura als Abschluss anstreben (gymnasiale Oberstufe). Die teilnehmenden Personen der Altersgruppe 2 müssen Abitur bzw. Matura oder einen vergleichbaren Schulabschluss haben.
  • Des Weiteren ist eine Bedingung, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer keine spezielle Sprech- oder Ausspracheschulung mitgemacht haben dürfen (z.B. im Rahmen einer Schauspielausbildung).
*Zum Nachweis von Sprachwandel wird in der Sprachwissenschaft üblicherweise auf zweierlei Methoden zurückgegriffen. Die eine Möglichkeit ist, den Sprachgebrauch von Personen über eine längere Zeitdauer zu erheben, zumindest aber zu zwei bestimmten, zeitlich deutlich auseinanderliegenden Zeitpunkten. Wenn zum ersten Zeitpunkt bestimmte Sprachformen verwendet werden, zum zweiten nicht mehr, und wenn das nicht nur bei einer, sondern bei vielen Personen der Fall ist, dann hat - vereinfacht dargestellt - Sprachwandel stattgefunden.

Die andere Möglichkeit ist, gleichzeitig altersmäßig weit auseinanderliegende Personengruppen zu befragen. Wenn sich dann im aktuellen Sprachgebrauch zwischen den beiden Altersgruppen Unterschiede nachweisen lassen, kann man davon ausgehen, dass Sprachwandel im Gange ist bzw. stattgefunden hat. Weil erst nach der Kindheit und der Jugendzeit die wesentlichen Ausprägungen der Sprache und des Sprachgebrauchs bei den meisten Menschen (bei gleichbleibenden Lebensumständen) relativ stabil werden, ist es sinnvoll, zwei Altersgruppen im Erwachsenenalter miteinander zu vergleichen. Deswegen werden in "Deutsch heute" der Sprachgebrauch von zwei Altersgruppen untersucht. Im Vergleich der beiden wird sich zeigen, wie sich die deutsche Sprache in den letzten 30 Jahren verändert hat.

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Erhebungsmethoden

1. Vorlesesprache
  • Hier handelt es sich um die Standardsprache, wie sie beim Vorlesen vorkommt (z.B. in der Schule oder beim Vorlesen für Kinder).
  • Diese wird durch das Vorlesen einzelner Wörter in einer Wortliste (ca. 1000 Wörter inklusive Minimalpaare und festen Listen), phonetisch reichhaltiger Sätze (ca. 100 Sätze) und zweier zusammenhängender Texte (ca. 1000 Wörter) erhoben.
2. Spontansprache
  • Hier handelt es sich um die Standardsprache, wie sie in eher formellen Situationen spontan gesprochen wird (z.B. im Schulunterricht, einem Interview oder in einer öffentlichen Diskussion).
  • Diese wird in einem sprachwissenschaftlichen Interview erhoben. Dabei werden Fragen zu Spracheinstellungen, Sprachbewertungen und zur Sprachbiographie gestellt. Außerdem wird ein Gespräch zu allgemeinen Themen wie Freizeitgestaltung und Medienkonsum geführt.
  • Zusätzlich wird durch eine sprachlich zu lösende Aufgabe zwischen zwei Teilnehmenden versucht, einen vergleichsweise informelleren Sprachstil zu erheben.
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Frühere Erhebungen - bisheriger Forschungsstand

Im Mittelpunkt des Forschungsinteresses im Bereich der gesprochenen Sprache standen lange Zeit fast ausschließlich die traditionellen Dialekte. Schon um 1880 wurden erstmals flächendeckend im gesamten Deutschen Reich mittels Fragebögen Erhebungen durchgeführt (die Dialektkarten sind im Projekt Digitaler Wenker-Atlas online veröffentlicht). Ab Mitte des 20. Jhs. waren dann in unterschiedlichen Projekten meist einzelne Sprachlandschaften Gegenstand detaillierterer Dialektuntersuchungen.

Karte China + Chemie, zum Vergrößern die Karte bitte anklicken)    (aus König 1989, zum Vergrößern bitte anklicken) Dass auch die Standardsprache (gemäß der o.g. Definition) vor allem bei der Aussprache regionale Differenzierungen aufweist, war zwar immer schon bekannt, spezielle Untersuchungen dazu gibt es aber erst in jüngerer Zeit. Die einzige, die ein größeres Untersuchungsgebiet abdeckt, ist der Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland (König 1989). Werner König hat dazu in den Jahren 1976-78 u.a. die Vorleseaussprache von 44 Studierenden erhoben und umfangreich ausgewertet. Sie stammten aus gleichmäßig über das Gebiet der alten Bundesrepublik verteilten Orten, so dass eine großräumige, flächendeckende Dokumentation der regionalen Ausprägungen der deutschen Standardsprache in der BRD möglich war. Wesentliche Ergebnisse der Untersuchung waren:
  • Die Aussprachenorm, wie sie in den Aussprachwörterbüchern kodifiziert ist, ist nirgendwo eine tatsächlich existierende Sprachform - auch nicht in Norddeutschland.
  • Auch im Bereich der Standardsprache lassen sich großräumige Gebiete mit gemeinsamen Aussprachemerkmalen feststellen, die v.a. auf die dialektale Gliederung des Deutschen zurückzuführen sind oder die regionale Aussprachegewohnheiten von bestimmten Buchstaben(gruppen) widerspiegeln, z.B. Chemie, Schemie, Kemie oder China, Schina, Kina (vgl. die Karte links).

Von den deutschen Aussprachewörterbüchern wird ein sehr einheitliches 'Hochdeutsch' vermittelt, das von kaum jemandem mit deutscher Muttersprache natürlicherweise gesprochen wird, insbesondere nicht in informellen Situationen. 'Hochdeutsch' im Sinne der Aussprachewörterbücher wird im Detail nur von professionellen Sprechern (Schauspieler, Nachrichtensprecher) in einer speziellen Sprechausbildung aktiv erlernt. Um demgegenüber ein realistischeres Bild der im deutschen Sprachraum natürlicherweise gesprochenen Varianten der Hoch- bzw. Standardsprache zu bekommen, sind umfangreiche Neuerhebungen von Sprachdaten gebildeter Sprecherinnen und Sprecher unabdingbar. Auf deren Basis können die Angaben in den bestehenden Aussprachewörterbüchern ergänzt und an die sprachliche Realität angepasst werden.

Praktische Konsequenzen aus diesen Ergebnissen ergeben sich auch für den Unterricht für Deutsch als Fremdsprache. Ausländischen Deutschlernenden sollten auf jeden Fall auch passive Kenntnisse von weitverbreiteten Aussprachevarianten des Deutschen beigebracht werden.

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Literatur in Auswahl

  • Brinckmann, Caren/Kleiner, Stefan/Knöbl, Ralf/Berend, Nina (2008): German Today: an areally extensive corpus of spoken Standard German. In: Proceedings 6th International Conference on Language Resources and Evaluation (LREC 2008), Marrakesch, Marokko.
  • Berend, Nina (2005): Regionale Gebrauchsstandards - Gibt es sie und wie kann man sie beschreiben? In: Eichinger, Ludwig M./Kallmeyer, Werner (Hrsgg.): Standardvariation. Wie viel Variation verträgt die deutsche Sprache? Berlin/New York. S. 143-170.
  • Durrell, Martin (2003): Register, Variation und Fremdsprachenvermittlung. In: Stickel, Gerhard (Hrsg.): Deutsch von außen. Berlin. S. 239-258.
  • König, Werner (1989): Atlas zur Aussprache des Schriftdeutschen in der Bundesrepublik Deutschland. 2 Bde. München.
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