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Anatol Stefanowitsch (Universität Bremen)

Keine Grammatik ohne Konstruktionen

Abstract

Es ist unbestritten, dass in allen natürlichen Sprachen Konstruktionen im Sinne der Konstruktionsgrammatik (also komplexe, nicht-kompositionelle Form-Bedeutungspaare) existieren. Diese werden in den verschiedensten Theorien unter Begriffen wie "Phraseologismus", "Phrasem", "Phraseolexem", "festes Syntagma", "(konstruktionelles) Idiom", "Formel", "Floskel", "Redewendung" usw. diskutiert. Uneinigkeit besteht darüber, ob diese Konstruktionen als Teil der Grammatik, oder gar, wie in der Konstruktionsgrammatik postuliert, als grundsätzliches grammatisches Organisationsprinzip zu verstehen sind.

In meinem Vortrag werde ich für eine zentrale Rolle von Konstruktionen bei der Repräsentation sprachlichen Wissens argumentieren. Dabei gehe ich zunächst von einem Sparsamkeitsargument aus, das sich etwa wie folgt zusammenfassen lässt: Da Menschen offensichtlich in der Lage sind, Konstruktionen (im o.g. Sinne) zu erwerben und zu verarbeiten, muss ein entsprechendes, konstruktionsverarbeitendes System existieren. Dieses kann auch nicht-idiomatische (regelhafte) Strukturen verarbeiten. Umgekehrt kann aber ein regelverarbeitendes System nicht ohne weiteres idiomatische Strukturen verarbeiten. Ockhams Rasiermesser sagt uns, dass eine Grammatik mit nur einem System einer mit zwei Systemen ceterus paribus vorzuziehen ist.

Die Prämissen und Konsequenzen dieses Sparsamkeitsarguments lassen sich mit einer Reihe empirischer Ergebnisse untermauern, von denen ich auf die folgenden näher eingehen werde: (i) Im Spracherwerb lässt sich nicht nur beobachten, dass Kinder selbstverständlich Konstruktionen erwerben können, sondern sogar, dass sie auch scheinbar regelhafte Strukturen wie Konstruktionen behandeln; (ii) es lässt sich ein Kontinuum zwischen scheinbar regelhaften und scheinbar idiomatischen Strukturen feststellen – idiomatische Strukturen werden von Sprechern wenigstens partiell analysiert und umgekehrt zeigen auch nicht-idiomatische Strukturen im tatsächlichen Sprachgebrauch Irregularitäten, die auf eine konstruktionelle Verarbeitung hinweisen; (iii) die lexiko-statistischen Eigenschaften scheinbar regelhafter grammatischer Strukturen unterscheiden sich nicht kategorisch von denen idiomatischer Strukturen.