Jahrestagungen
Dr. Annette Klosa
Korpusgestützte Lexikographie: besser, schneller, umfangreicher?
Abstract
Wie die Frageform meiner Themenformulierung andeutet, wird mein Vortrag eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Praxis korpusgestützter Lexikographie sein, d.h. der Erarbeitung von Wörterbüchern auf der Grundlage (umfangreicher) elektronischer Korpora. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf allgemeinsprachige Wörterbücher der Gegenwartssprache, die im Kern Bedeutung und Verwendung von Wörtern beschreiben. Korpusgestützte Lexikographie soll u.a. im Vergleich zur Wörterbucharbeit "klassischer" Prägung und ihren Arbeitsgrundlagen betrachtet werden. Dabei wird mich die Einschätzung leiten, dass die Auswertung elektronischer Korpora die Wörterbucharbeit positiv beeinflusst und verändert, vorausgesetzt, das zugrunde gelegte Korpus wurde für das geplante Wörterbuch so gut wie möglich zusammengestellt. Einen Erkenntnisfortschritt erzielen dabei nicht nur die Lexikographen, sondern auch den Wörterbuchbenutzern eröffnen sich neue Möglichkeiten.
Dies wird nicht nur zu beweisen, sondern auch gegenüber kritischen Nachfragen zu verteidigen sein. Daher werde ich Antworten suchen auf Fragen wie:
- Werden Wörterbücher durch die Arbeit mit elektronischen Korpora tatsächlich besser, wobei "besser" z.B. "aktueller" oder "enger am Sprachgebrauch" meinen kann?
- Beeinflusst die Arbeit mit elektronischen Korpora das Erarbeitungstempo von Wörterbüchern? Können diese womöglich schneller erarbeitet werden?
- Weitet sich der Umfang von Wörterbüchern notwendigerweise aus, wenn sie auf der Basis eines Korpus erarbeitet werden? Im Einzelnen kann man hier beispielsweise den Umfang der Stichwortliste, der lexikographischen Angaben in den Wortartikeln oder der Belegung betrachten. Dass der Umfang mit der geplanten Publikationsform des Wörterbuches (auf Papier oder elektronisch) zusammenhängt, ist dabei zu berücksichtigen.
- Wirkt sich die Arbeit mit elektronischen Korpora auf die gängige lexikographische Praxis aus? So wäre beispielsweise zu überlegen, ob nicht die Präsentation einiger gut ausgewählter Textbelege zusammen mit der Möglichkeit für den Benutzer, im Korpus selbst alle zugehörigen Belege zu sehen, die Formulierung einer Bedeutungsparaphrase ersetzen könnte.
Bei der Behandlung dieser Fragen werden sowohl verschiedene korpuslinguistische und lexikographische Verfahren wie auch verschiedene lexikographische Vorhaben mit ihrer jeweiligen Arbeitsweise als Beispiele gezeigt: Wörterbücher, die ausschließlich auf der Basis eines Belegarchivs erarbeitet werden; Wörterbücher, die zusätzlich zu einem Belegarchiv elektronische Korpora zur Belegsuche nutzen und z.B. Frequenzauswertungen bei der Stichwortauswahl zu Rate ziehen; Wörterbücher, die (weit gehend) von den Befunden in einem Korpus ausgehend erarbeitet werden (z.B. bei der Stichwortauswahl, beim Ansatz des Lesartenspektrums) und schließlich wortbezogene Informationssysteme, die nicht lexikographisch erarbeitet werden, sondern ausschließlich automatisch gewonnene Daten präsentieren. Zugleich sollte deutlich werden, wo die Arbeitsgebiete von Korpuslinguistik und Lexikographie fruchtbar ineinander greifen.
