Jahrestagungen
Prof. Dr. Wolfgang Sternefeld / Dr. Sam Featherston (Universität Tübingen)
Experimentell erhobene Grammatikalitätsurteile und ihre Bedeutung für die Syntaxtheorie
Abstract
Der SFB441 Linguistische Datenstrukturen hat als Hauptuntersuchungsbereich das Verhältnis zwischen Datentypen (Datenqualitäten, Datenmengen...) und linguistischen Theorien. Im Teilprojekt A3 Suboptimale syntaktische Strukturen geht es darum, den Status von marginalen und ungrammatischen Strukturen zu erforschen und deren Bedeutung für die Syntaxtheorie zu entdecken. Dabei stehen beispielsweise Fragen zur Natur der Wohlgeformtheit, zur Architektur der Grammatik, zum beurteilten Konstrukt in Grammatikalitätsurteilen, und zum Vorkommen vermeintlich ungrammatischer Strukturen in Korpora im Vordergrund.
Wir berücksichtigen sowohl Verhaltensdaten wie auch Frequenzdaten und introspektive Urteile, und betreiben Datentypenvergleiche, aber die introspektive Urteile haben sich als informativster Datentyp erwiesen.
Dies hat vier Gründe:
- Neuere Techniken lassen introspektive Urteile zuverlässig, quantifizierbar und objektiv erfassen.
- Diese Urteile können linguistisch sehr gezielt erhoben werden.
- Experimentell erhobene relative Urteile liefern eine sehr feine Differenzierung zwischen Bedingungen.
- Man kann zwischen kategoriellen Urteile und relativen Urteile unterscheiden. Kategorielle Urteile scheinen sich eher auf potenzielle Erscheinung in der Sprachproduktion zu beziehen, relative Urteile hingegen auf komputationelle Komplexität.
Diese Ergebnisse lassen wichtige Schlussfolgerungen für die Syntaxtheorie zu:
- Experimentell erhobene Daten zur empfundenen Wohlgeformtheit bestätigen das, was man in Frequenzdaten vorfindet: Wohlgeformtheit hat nicht die Form eines kategorischen Unterschieds zwischen Grammatikalität und Ungrammatikalität, vielmehr muss man sie als Kontinuum modellieren.
- Die Theorie muss klarer zwischen Generierungsmodul und Produktionsmodul unterscheiden. Das Erstere stellt Strukturen zur Verfügung, das Letzere wählt für die Produktion aus. Beide sind notwendig, sie haben aber unterschiedliche Charakteristika.
