Jahrestagungen
Helmut Gruber, Peter Muntigl, Martin Reisigl, Markus Rheindorf, Karin Wetschanow, Christine Czinglar
(Universität Wien, Institut für Sprachwissenschaft)
Genre, Habitus und das wissenschaftliche Schreiben Studierender
Abstract
Im Rahmen dieses kürzlich abgeschlossenen Projekts wurde die Schreibpraxis von österreichischen Studierenden aus drei sozialwissenschaftlichen Fächern (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Personalwirtschaft und Wirtschaftspsychologie) untersucht. Dazu wurden Textanalysen mit Interviewanalysen und der teilnehmenden Beobachtung dreier Seminare kombiniert. Die beiden grundlegenden Fragestellungen des Projekts waren, (1) ob Studierende bereits einen disziplinspezifischen Habitus entwickelt haben und demnach Texte produzieren, die fachspezifische Textsorten realisieren und (2) ob und welche sprachlichen Merkmale einer Seminararbeit mit ihrer Beurteilung durch den Seminarleiter korrelieren.
Quantitative und qualitative Analysen der Makro- und Mikroebene der Texte (Makrostruktur, Kohärenzstruktur, Argumentation, Modalität, Intertextualität, Metakommunikation und Wortwahl) zeigen, dass die Studierenden in den drei Seminaren unterschiedliche Textsorten produzieren, die jedoch alle einen Texttyp, die "universitäre Prüfungsarbeit", repräsentieren. Dieser Texttyp befindet sich am Schnittpunkt des universitären und des akademischen Feldes (Bourdieu, 1992). Zur Erklärung dieser Ergebnisse wurde ein semiotisches Textsortenmodell entwickelt, in dem zwischen "Texttypen" und "Textsorten" (der semiotisch angereicherten Realisierung von Texttypen in bestimmten institutionellen und sozialen Kontexten) unterschieden wird. Textsortenwissen wird dabei als konstitutiver Teil eines feldspezifischen Habitus aufgefasst. Auch zwischen sprachlichen Textmerkmalen und der Benotung der Texte zeigte sich ein, wenn auch komplexer, Zusammenhang. Viele Merkmale der meso- und makrotextuellen Ebene zeigen klare Zusammenhänge mit der Benotung, während dies für die meisten sprachlichen Merkmale der mikrotextuellen Ebene nicht gilt. Die vorliegende Studie wurde als Grundlagenuntersuchung zur Planung von Schreibunterstützungsmaßnahmen für Studierende in unterschiedlicher Form konzipiert.
