Jahrestagungen
Prof. Dr. Helmuth Feilke (Gießen)
Kontext - Zeichen - Kompetenz. Wortverbindungen unter sprachtheoretischem Aspekt
Abstract
Die kontinuierliche Ausweitung des Gegenstandsbereichs der Phraseologie in den vergangenen 30 Jahren geht einher mit einer Pragmatisierung theoretischer Grundannahmen in der Disziplin selbst. Damit ist nicht die Frage der "Verwendung von Phraseologismen" gemeint, sondern das zunehmende Gewicht der Frage, welche Ausdrücke Sprecherinnen und Sprecher pragmatisch als Einheiten der Sprachproduktion und des Sprachverstehens behandeln. Der negativ bestimmten, gut operationalisierbaren Eingrenzung des Phraseologischen als eines Ausdrucksbereichs, der grammatisch und semantisch postulierten Wohlgeformtheitsbedingungen nicht genügt, korrespondiert fachgeschichtlich die positive Bestimmung als Tradition des Sprechens und wiederholte Rede.
Rekurrente Rede kann diachron durch semantischen, grammatischen und phonologischen Strukturverlust geprägt sein, aber dieser ist nicht die Ursache, sondern eine mögliche Folge idiomatischer Prägung. Die Ursache ist die durch koordinierte Selektivität der Sprecherinnen und Sprecher etablierte, konventionell-arbiträre Einschränkung der Produktions- und Interpretationsoptionen. Kommunikations- und sprachtheoretisch gibt es deshalb gute Gründe, einen Bereich der Bildung usueller komplexer Ausdrücke ohne Strukturverlust anzunehmen. Er umfasst die pragmatisch konstituierten Leistungseinheiten der idiomatischen Kompetenz. Der so genannte "feste" Bereich sprachlichen Ausdrucks besteht vor allem darin, dass Sprecherinnen und Sprecher die inhaltseitig kontextuell indizierten und ausdruckseitig als typisch bewerteten usuellen Selektionen und Kombinationen ihres Idioms kennen.
Die Aktualität dieser Fragen spiegelt sich im Kontextualisierungsparadigma der jüngeren Pragmatik, das Kommunikation wesentlich als ein pars-pro-toto-Geschehen versteht, in der "Kollokations-Konjunktur" in Lexikologie und -graphie, die es nahe legt, Wortbedeutung pragmatisch als Bedeutung text- und domänengebundener Kollokationen zu behandeln und ebenso in der Grammatikalisierungsdiskussion, die systematisch mit Einheiten zwischen Lexikon und Grammatik rechnet.
