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Prof. Dr. Martine Dalmas (Paris)

Französische Sichtweisen und ihre folgenschweren Konsequenzen

Abstract

  1. Dass der gallische Hahn gern französisch kräht und dabei meint, dass er überall verstanden wird oder verstanden werden muss, ist bekannt. Ebenso bekannt ist auch, dass er sich oft ganz schön schwer tut mit den Fremdsprachen, natürlich auch mit der deutschen. Außerdem ist sein Verhältnis zur deutschen Sprache ziemlich gestört, und dies nicht nur durch die neuere Geschichte, nicht nur weil das Verhältnis der beiden Völker und Nationen schon immer ein schwieriges war, sondern auch aus anderen, tiefer und weiter greifenden Gründen, die eigentlich weniger mit dem relationalen Aspekt zu tun haben als mit dem nationalen, d.h. mit dem Blick auf sich selbst. Denn auch Marianne hat eine Zeit lang zu tief in den eigenen Spiegel geblickt und sich vielleicht zu sehr oder zumindest zu lange bewundert. Als sie sich später umblickte, war der Blick noch ziemlich voreingenommen, und es hat lange gedauert, bis sie dann später erkannte, dass die Sprache der Germania mit einem neuen Instrumentarium beschrieben werden musste.

  2. Im achtzehnten Jahrhundert schürte das Thema Sprache die Leidenschaften in dem Streit zwischen den Anciens und den Modernes und sorgte dafür, dass Namen wie Girard, Du Marsais und vor allem Rivarol (vgl. die berühmte "Rede über die Universalität der französischen Sprache") durch ihre Stellungnahmen zur französischen Sprache bzw. zur Struktur der anderen Sprachen - im Vergleich zur französischen - bis heute bekannt geblieben sind.
    Die Tradition solcher Sichtweisen setzte sich fort - mit mehr oder weniger Prägnanz - bis ins letzte Jahrhundert hinein, bis die Sprachwissenschaft das Werkzeug liefern sollte, mit dem die Sprachen, auch die deutsche, endlich ihrer Spezifik gemäß untersucht und beschrieben werden konnten.
    In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgte (nicht nur in Frankreich) das, was Jean Fourquet selber "den Mauerfall der überkommenen Ideen" nannte, ein Mauerfall, bei dem er stark mitgewirkt hatte. Dies betraf in erster Linie die Syntax, die Struktur des deutschen Satzes und wurde dann von Fourquets Schülern weiterentwickelt (u.a. J.M. Zemb).
    Später (Ende der siebziger Jahre) machte sich auch die so genannte pragmatische Wende in Frankreich bemerkbar. Arbeiten zur Modalität, zur Argumentation und zu den Gesprächswörtern im Französischen dienten zur Grundlage für neue Ansätze und neue Methoden in der germanistischen Sprachwissenschaft.
    Solche Sichtweisen blieben nicht ohne Folgen für die Lehre (an Schulen und Universitäten) und haben durch die Jahrhunderte Deutschlehrer und Germanisten geprägt. Der Vortrag enthält einige Beispiele, an denen sich die Entwicklung nachvollziehen lässt.

  3. Die Bilanz und die heutige Situation sind aber leider nicht so positiv, wie man es sich vorstellen könnte. Die heutigen Schwierigkeiten, sowohl der germanistischen Sprachwissenschaft als auch der deutschen Sprache an den französischen Schulen, sind auf strukturelle Mängel und (ideo)logische Vorurteile zurückzuführen.
    - Die bis heute ziemlich feste Trennung zwischen Lehre an den Schulen und Forschung an den Universitäten, die sich bis in die Lehreraus- und -weiterbildung auswirkt, führt oft zu Unkenntnis oder gar Unverständnis auf beiden Seiten.
    - Hinzu kommen im Moment katastrophale Schülerzahlen für Deutsch als Fremdsprache. Dadurch lässt sich die seit einigen Jahren stark zurückgehende Zahl der Germanistikstudenten erklären. Der Hauptgrund für diesen starken Rückgang ist u.E. eine Werteverschiebung: Trotz aller lobenswerten Bemühungen seitens des zuständigen Ministeriums haben die Sprachen im Schulsystem an Gewicht verloren. Und Deutsch wird nach wie vor als eine schwere - elitäre - Sprache betrachtet.
    - Die deutsche Sprachwissenschaft hat es immer noch schwer, sich in der in Frankreich schon immer von der Literaturwissenschaft geprägten Germanistik durchzusetzen und fristet an manchen Universitäten ein kümmerliches Dasein. Ein neuer Aufschwung könnte aber trotzdem von der deutschen Sprachwissenschaft kommen, die inzwischen ihren Blick erweitert hat, und zwar in eine Richtung, die ihr zum Durchbruch verhelfen könnte. Die Einbeziehung von Textsorten und Textmustern, der Sprachvergleich und die Bemühungen um interdisziplinäre Zusammenarbeit ebnen den Weg, den die Sprachwissenschaft gleichberechtigt gemeinsam mit anderen gehen möchte.

  4. Wir wissen, dass unsere Welt der Globalisierung durch Vereinheitlichung, Verarmung/Verkümmerung bedroht ist. Wenn Englisch schon längst zur Kommunikationssprache erhoben wurde, muss dennoch das Vielfältige, d.h. u.a. die kulturellen Eigenschaften, die durch die Sprachen spürbar und zugänglich sind, weiter bestehen und weiter gepflegt werden.
    Die Zeit hat einige alte Wunden geheilt, trotzdem eilt es. Das Problem betrifft zwar alle Länder und alle Sprachen, die Lösung ist jedoch je nach Land und Sprache anders. In Frankreich klafft im Moment eine Kluft zwischen dem politischen Willen und den vorherrschenden Denkweisen und Vorstellungen. Ist der Wille da, müsste sich bekanntlich auch der Weg finden. An dem Bild der deutschen Sprache lässt sich nicht so schnell etwas ändern, aber es lohnt sich, das Problem ihrer Funktion ins rechte Licht zu rücken; dann ist die Frage "Wozu soll man Deutsch lernen?" keine rhetorische Frage mehr und kann vielleicht richtig beantwortet werden.