Grammatik
Wortphonologie
Im Oktober 2005 wurde mit dem Teilprojekt "Wortphonologie" begonnen. Für die inhaltliche Gestaltung dieses Teilprojekts und die Koordination projektbezogener Forschung ist Renate Raffelsiefen zuständig. Weitere Mitarbeiter sind Caren Brinckmann (Phonetik) und Markus Hiller (Phonologie).
Aktuelles: Workshop "Prosodic Alignment at the Word Level" vom 20. - 21. November 2008
→ http://www.ids-mannheim.de/aktuell/kolloquien/align.html
Vorstellung des Teilprojekts:
- Der Untersuchungsgegenstand
- Die Herangehensweise (Grundannahmen, Beispielanalysen)
- Weiterreichende Relevanz der Untersuchung
1. Der Untersuchungsgegenstand
Im Teilprojekt Wortphonologie steht zunächst eine detaillierte Untersuchung wortinterner prosodischer Domänen und deren Zusammenhang mit morphologischer Wortstruktur im Vordergrund. Insbesondere geht es um die Identifizierung und Beschreibung von systematischer Koinzidenz zwischen den Grenzen bestimmter morphologischer Konstituenten (z.B. Wurzel, Stamm, Affix) und den Grenzen bestimmter prosodischer Konstituenten (z.B. Silbe (σ), Fuß (Σ), phonologisches Wort (ω)). Sprachspezifische Unterschiede ergeben sich dabei nicht nicht nur aus Unterschieden hinsichtlich der beteiligten Kategorien sondern auch aus unterschiedlichen Einflüssen phonologischer Markiertheitsbeschränkungen auf die Grenzmarkierung. Das Ziel der Untersuchung ist eine Systematisierung des Spektrums belegter Domäneneffekte innerhalb der Vergleichssprachen und eine darauf basierende Charakterisierung der Besonderheiten des Deutschen.
2. Die Herangehensweise
2.1. Grundannahmen: morphologische Struktur
Die Bestimmung der morphologischen Konstituentenstruktur eines Worts ergibt sich aus distributionellen Eigenschaften. Wichtige Kriterien sind entsprechend Kommutierbarkeit sowie wortinterne selektionale Eigenschaften. Im Deutschen etwa lässt sich feststellen, dass das Auftreten der Präfixe in (1a) die Kombinatorik des vollständigen Worts beeinflusst, während die komplexen Wörter in (1b) durch die unpräfigierten Konstituenten ersetzt werden können. Dieser Umstand motiviert eine Unterscheidung der Präfixe in Kopfaffixe (K-AFF) in (1a) und modifizierende Affixe (M-AFF) in (1b):
Ein weiteres Beispiel betrifft die unterschiedlichen Formen des Wortes Wolke in den Wortbildungen in (2). Klassifizieren wir wolk-, wölk- als Wurzeln und wolken- als Stamm, so ergibt sich eine Unterscheidung in wurzel- versus stammselegierende Konstituenten. Stammselegierende Konstituenten lassen sich weiter unterscheiden hinsichtlich ihrer Kommutierbarkeit mit dem vollständigen Wort. So ergibt sich eine (vorläufige) dreifache Klassifikation in Kopfaffixe (2a), Kopfaffixoide (2b) und Kompositionsköpfe (2c):
Die hier zugrunde gelegte Klassifikation ist entsprechend weder semantisch, noch "Basis/Ziel" orientiert (vgl. die traditionell einheitliche Klassifikation von -haft und -ig als Affixe bei Kühnhold et al (1978), Drosdowski (1984), Fleischer/Barz (1992), Eisenberg (1998)). Vielmehr beruht sie auf syntagmatischen (Formselektion) und paradigmatischen (Kommutierbarkeit) Eigenschaften von Konstituenten. Es kann gezeigt werden, dass eine solche Klassifikation neue Einsichten in die Wortprosodie erlaubt.
2.2. Grundannahmen: prosodische Struktur
Als Grundlage dienen die im Rahmen der prosodischen Phonologie erarbeiteten Konzepte, insbesondere die Annahme einer hierarchisch organisierten prosodischen Struktur wie in (3) (Silbe (σ), Fuß (Σ), phonologisches Wort (ω)) (Vgl. Nespor & Vogel 1986, Selkirk (1980, 1995):
Prosodische Strukturen wie in (3) sind durch eine Reihe von Beschränkungen charakterisiert. Hier wird angenommen, dass zwei dieser Beschränkungen, HEADEDNESS und CONTAINMENT, universell gültig und somit unverletzbar sind. HEADEDNESS besagt, dass jede Konstituente zumindest eine unmittelbar niedrigere Konstituente dominiert (z.B. ein phonologisches Wort muss zumindest einen Fuß dominieren). CONTAINMENT besagt, dass jede Konstituente vollständig in allen höheren Konstituenten eingeschlossen sein muss. Für gleiche Schwesterkonstituenten gilt, dass eine starke Prominenz hat (in (3b) durch das Subskript 's' angezeigt), alle anderen hingegen schwach sind (in (3b) durch das Subskript 'w' angezeigt).
Mit Bezug auf Strukturen wie in (3b) lassen sich phonologische Wohlgeformtheits-bedingungen formulieren. So zeigt sich, dass der Reduktionsvokal weder fußinitial (vgl. *For[ə́]lle) noch in der ersten Silbe eines phonologischen Wortes vorkommt (vgl. *F[ə]rélle). Des weiteren zeigt sich, dass ambisilbische Konsonanten nur fußintern vorkommen und dass der Nukleus in ambisilbisch geschlossenen Silben immer ungespannt ist (vgl. *For[é]lle), in offenen Silben hingegen stets gespannt ist (vgl. *F[ɔ]rélle).
Die Klärung der Frage, welche Strukturen in nicht-morphologisch komplexen Wörtern zu erwarten wären, ist eine notwendige Voraussetzung für die Bestimmung von Grenzeffekten. In diesem Zusammenhang ergibt sich auch die Notwendigkeit, die Frage der Repräsentationsebenen zu klären und die jeweiligen Effekte der lexikalisch-phonologischen oder der postlexikalisch-phonetischen Ebene zuzuordnen.
2.3. Grundannahmen: Bündigkeit
Die zentrale Annahme des Projekts betrifft die Existenz sogenannter "Bündigkeitssbeschränkungen" (Englisch 'alignment constraints'), die einen regelhaften Zusammenfall von Grenzen unterschiedlicher Konstituenten beschreiben. In funktionaler Sicht lassen sich Bündigkeitsbeschränkungen als Mittel der syntagmatischen sprachlichen Strukturierung charakterisieren. Insbesondere dienen sie der Verankerung bestimmter sprachlicher Strukturen relativ zu anderen Strukturen. Die Formalisierung von Bündigkeitsbeschränkungen folgt dem Schema in (4), das im Rahmen der Optimalitätstheorie herausgearbeitet wurde (vgl. McCarthy & Prince 1993:80):
Die Beschränkung in (4) drückt aus, dass die Grenze jeder Konstituente vom Typ Kat1 mit der Grenze einer Konstituente vom Typ Kat2 bündig sein muss, aber nicht notwendigerweise umgekehrt. Die Konstituenten können dabei sowohl prosodischen (PCat) als auch syntaktischen oder morphologischen (GCat) Kategorien angehören. Einige Generalisierungen, die sich als Bündigkeitsbeschränkungen erfassen lassen, sind in (5) veranschaulicht:
Mit Bezug auf das Schema in (4) lässt sich der Gegenstand des Teilprojekts Wortphonologie in seiner jetzigen Phase wie folgt eingrenzen. Angestrebt wird eine vollständige Beschreibung der Bündigkeitsbeschränkungen des Typs in (6), die im folgenden als GP-Bündigkeitsbeschränkungen bezeichnet werden. Es sollen nur Konstituenten auf der Wortebene und darunter berücksichtigt werden.
Es geht also um die Fragen, welche Grenzen welcher Konstituenten des Typs GCat (z.B. Wort, Stamm, Affix) mit welchen Grenzen welcher Konstituenten des Typs PCat (z.B. Silbe, Fuß) einzelsprachlich zusammenfallen und wie die relevanten Bündigkeitsbeschränkungen mit Markiertheitsbeschränkungen interagieren. Solche Interaktionen sind in Abschnitt 2.4. veranschaulicht.
2.4. Beispielanalysen
Die Identifikation wortinterner Grenzeffekte wie in (7a) beruht auf der Feststellung korrelierender Verletzungen kanonischer phonologischer Lautmuster wie in (7b). Insbesondere handelt es sich um Verletzungen, die auf morphologisch determinierte prosodische Gruppierungen segmentaler Struktur hinweisen. So verletzt der (mögliche) Hauptton auf der ersten Silbe in dem deutschen Wort póstindustriell die Generalisierung, dass gewöhnlich der wortfinale Fuß den Hauptton trägt (vgl. Postulát, Forélle). Diese Verletzung deutet darauf hin, dass das Präfix ein eigenes phonologisches Wort bildet, das im Deutschen in den meisten Konstruktionen prominenter ist als das nachfolgende phonologische Wort (vgl. vórindustriell, schwérindustriell:
Die Analyse des initialen Hauptakzents als Evidenz für die prosodische Repräsentation in (7) wird unterstützt durch das Auftreten des Glottalverschlusses nach Konsonant. Die Funktion dieses Lauts ist es in der phonetischen Repräsentation einen Silbenansatz zu bilden. Innerhalb einer prosodischen Domäne wird diese Funktion ausnahmslos von einem dem Vokal vorausgehenden Konsonanten wahrgenommen (vgl. *[pɔstʔuláːt])). Die Beobachtung, dass der präfixfinale Konsonant in (7a) nicht für diese Funktion zur Verfügung steht, bestätigt das Vorhandensein der prosodischen Grenze, die die Silbifizierung des fraglichen Konsonanten in Kodaposition bewirkt.
Die Besonderheiten in der phonologischen Form des Worts postindustriell (vis-à-vis Postulat) deuten somit auf die morphologischen Strukturen in (8) und die Bündigkeitsbeschränkungen in (9) hin ("L" bedeutet 'linke Grenze', "R" bedeutet 'rechte Grenze').
Angewendet auf die Beispiele in (8) ergeben sich die bündigen Strukturen in (10), die in (7) abgebildet sind.
Es lässt sich nun feststellen, dass das entsprechende morphologisch komplexe Wort postindustriel im Französischen keinerlei Grenzeffekt aufweist, sondern, ähnlich wie Postulat im Deutschen, eine einheitliche prosodische Domäne bildet. Diese Beobachtung legt den Schluss nahe, dass das Deutsche und das Französische sich hinsichtlich der Art und Größe der Silbifizierungsdomänen unterscheiden: im Gegensatz zum Deutschen scheinen im Französischen größere syntaktische Konstituenten, selbst ganze Sätze wie in (11), eine Silbifizierungsdomäne zu bilden (cf. Pulgram 1970):
Die Möglichkeit, dass das Deutsche und das Französische sich hinsichtlich des Bezugs auf morphologische Konstituenten in Bündigkeitsbeschränkungen unterscheiden, ist widerlegt durch das Beispiel in (12b). Wie im Deutschen wird das Präfix prosodisch gesondert gruppiert, was in phonetischen Kontrasten gegenüber kanonischen Strukturen zum Ausdruck kommt. Insbesondere unterscheiden sich die phonetischen Realisierungen der Verbindung s-t-r- in (12b) und (12c) dahingehend, dass das [t] in (12b) eine komplexe Silbenkoda schließt, in (12c) hingegen Teil eines komplexen Silbenansatzes ist (vgl. Unterschiede in der Lösung des Verschlusses, sowie der Dauer aller beteiligten Konsonanten). Die Darstellung in (12) beschränkt sich auf Segment- und Silbenstrukturen:
Die Daten zeigen entsprechend, dass analoge morphologische Strukturen wie in (13) im Deutschen gleich, im Französischen hingegen unterschiedlich prosodisch strukturiert werden. Während im Deutschen Wörter mit modifizierenden Präfixen stets Grenzeffekte zeigen (vgl. die Aussprache der Verbindung s-t-r in po[st.r]omantisch versus a[s.tr]onomisch), so ist das Auftreten solcher Effekte im Französischen abhängig von der phonologischen Struktur der beteiligten Konstituenten, insbesondere der Segmente an den jeweiligen Morphemgrenzen.
Die Beobachtung, dass im Französischen keine wortinternen Grenzeffekte auftreten, wenn ein konsonantfinales Morphem vor Vokal steht, weist auf eine stärkere Gewichtung der Markiertheitsbeschränkung ANSATZ (Jede Silbe braucht einen Ansatz) gegenüber den entsprechenden konfligierenden Bündigkeitsbeschränkungen hin. Die Kategorie 'PCAT' in (14) steht für eine noch genau zu spezifizierende prosodische Kategorie (vorläufige Fassung):
Gemäß der Ordnung in (14) sollten Bündigkeitseffekte im Französischen nur dann nicht auftreten, wenn sonst eine ANSATZ-Verletzung erfolgen würde. Diese Analyse wird bestätigt durch das Auftreten von Grenzeffekten in Fällen wie (15a), wo ein auf Vokal endendes Morphem vor einem konsonantinitialen Morphem steht (Johnson 1987:897).
Die unterschiedliche Gruppierung der Verbindung s-t-r in (15) stützt sich nicht nur auf unterschiedliche Allophonie der beteiligten Konsonanten sondern auch auf die Besetzung des vorhergehenden Nukleus. Die Darstellung in (15b) mit geschlossener Erstsilbe trägt gleichzeitig dem Auftreten des Vokals [ɛ] Rechnung, da im Französischen der Kontrast zwischen den Vokalen [e], [ɛ] und [ə] in geschlossener Silbe systematisch zugunsten von [ɛ] neutralisiert ist.
Die Beobachtung, dass [ə] in monomorphemischen Wörtern nie vor der Verbindung [st] erscheint, ist ein starkes Argument für die kanonische Silbifizierung der Konsonantenverbindung wie in (15b). Das Auftreten von [ə] in dem modifizierenden Affix in (15a) ist entsprechend als Grenzeffekt zu analysieren, der auf die Bündigkeitsverhältnisse in (17) hinweist. Auch hier verhalten sich die entsprechenden deutschen Beispiele parallel:
Die auffälligste Evidenz für die Annahme wortinterner phonologischer Wortgrenzen im Deutschen betrifft das Vorkommen des palatalen statt des alveolaren Frikativs vor [t] in restrukturieren. Diese phonotaktische Evidenz korreliert mit phonetischen und die relative Prominenz betreffenden Besonderheiten und zeigt, dass das modifizierende Präfix re- im Deutschen nicht in das phonologische Wort des folgenden Stammes integriert ist. Während die beiden Sprachen hinsichtlich der Nichtintegration modifizierender Präfixe übereinstimmen, unterscheiden sie sich, indem solche Präfixe nur im Deutschen eigene phonologische Wörter bilden. Dies zeigt sich an dem unterschiedlichen Vokalismus (Französisch [rə] ist unbetont und kann aufgrund der HEADEDNESS-Verletzung kein phonologisches Wort sein) und der möglichen Hauptbetonung auf dem Präfix im Deutschen.
Die bisher aufgeführten Beispiele legen die Vermutung nahe, dass Grenzeffekte im Deutschen phonologisch stärker markiert werden und somit salienter sind als im Französischen. Dass dies nicht generell zutrifft, zeigt das französische Beispiel in (18), wo das Präfix di- eine eigene Silbifizierungsdomäne bildet anstatt wie in diabolique als komplexer Silbenansatz gruppiert zu werden. (Im Französischen wird [i] vor Vokal als Ansatz silbifiziert, solange die Sonorität ansteigt ([ʃjas] 'chiasse', aber [ʃi.it] 'chiite') und der Ansatz nicht mehr als zwei Segmente umfasst ([lje] 'lier', aber [pli.e] 'plier')). Die Folge ist ein deutlich wahrnehmbarer Unterschied in der Silbenanzahl der beiden aus fast gleichen Segmentfolgen bestehenden Wörter. Im Gegensatz dazu sind die Unterschiede der entsprechenden deutschen Beispiele eher subtil. Bei gleicher Silbenanzahl lassen sich lediglich phonetische Kontraste bei der Realisierung des Hiats feststellen. Anstatt des zu erwartenden kurzen Gleitlauts wie in diabolisch, Fiasko, Piano lässt die prosodische Wortgrenze in diatomisch allenfalls den Glottalverschlusslaut als phonetischen Silbenansatz zu.
Trotz der unterschiedlichen Effekte sind die Daten weiter konsistent mit der Annahme gleicher interner morphologischer Strukturen und der Existenz von Bündigkeitsbeschränkungen, die auf die jeweiligen internen Grenzen Bezug nehmen.
Während die Daten übereinstimmend zeigen, dass das Ausbleiben des Grenzeffekts in (12a) ein phonologisch bedingter Sonderfall ist, so erfordert der Effekt in (18) eine Modifizierung der Grammatik in (14). Insbesondere ist die Verletzung der Ansatzbeschränkung in di-atomique (vis-à-vis der Silbifizierung von diabolique) nicht verträglich mit der in (14) spezifizierten Rangordnung. Dieses Problem ließe sich lösen, indem die Beschränkung ANSATZ durch die Beschränkung *C.V (Eine Silbengrenze zwischen Konsonant und Vokal ist verboten) ersetzt würde.
Das (vorläufige) Fragment der französischen Grammatik erklärt eine Reihe von scheinbaren Ausnahmen zu generellen Lautmustern, wie etwa das Vorkommen von Schwa vor der Verbindung [str] in restructurer oder das Vorkommen von [i] vor [a] in diatomique. Es erklärt nicht das in phonologischen Beschreibungen als Sonderfall vermerkte systematische Vorkommen von [ɛ] in den Futur- und Konditionalparadigmen vieler Verben.
Das Vorkommen von [ɛ] in (21) ist erklärungsbedürftig, weil der Kontrast zwischen [ɛ] und [e] in vortonigen offenen Silben gewöhnlich zugunsten von [e] neutralisiert ist. So wäre die Aussprache mit [ɛ] statt [e] in den Wörtern in (22a) unakzeptabel. Nur vor einem Doppelkonsonant in der Schrift wie in (22b) lassen manche Sprecher die Variante mit [ɛ] zu:
Die Generalisierung, die das Auftreten von [ɛ] in (21) charakterisiert, betrifft die Existenz weiterer Formen in den entsprechenden Verbparadigmen, in denen [ɛ] in finaler geschlossener Silbe vorkommt und somit phonologisch motiviert ist.
Die Verletzung der kanonischen Wohlgeformtheit in Futur- und Konditionalformen lässt sich somit als Paradigmenuniformitätseffekt charakterisieren. Solche Effekte beinhalten das systematische Auftreten von phonologisch unmotivierten Lautstrukturen (z.b. [ɛ] in offener Silbe in [repɛtəra]) zwecks Gewährleistung von formaler Identität mit Bezug auf ein anderes Mitglied des Paradigmas, in dem die fragliche Lauteigenschaft motiviert ist ([ɛ] in geschlossener Silbe in [repɛt]).
Die Analyse mit Bezug auf Paradigmenuniformität wirft die Frage auf, warum das Präsensparadigma selbst nicht uniform ist. Mögliche phonologische Bedingungen betreffen die unterschiedliche Position des fraglichen Vokals (vortonig in (23), aber nicht in (24)). Wichtig ist, dass eine Analyse als Grenzeffekt hier ausgeschlossen ist, obwohl die Annahme einer Morphemgrenze nach [t] unabhängig motiviert ist. Die beiden Repräsentationen in (25), in denen Morphemgrenzen mit Silbengrenzen übereinstimmen, veranschaulichen das Dilemma. Die Repräsentation in (25a) ist unakzeptabel, weil ein Konsonant vor Nukleus immer im Ansatz silbifiziert wird (vergleiche (20)). Die Alternative in (25b) ist unakzeptabel, weil eine Silbe keine interne Silbengrenze enthalten kann:
Die Unterscheidung von Grenzeffekten und Paradigmenuniformitätseffekten ist nicht immer so eindeutig wie hier und wird in der Literatur meist vernachlässigt. Im Projekt ist die Berücksichtigung und Motivation dieses Unterschieds ein zentrales Anliegen (vgl. Raffelsiefen 2005).
2.5. Fazit:
Der hier vorgestellte Einblick in die Herangehensweise des Teilprojekts Wortphonologie beinhaltet folgende Rückschlüsse für den Sprachvergleich:
- Scheinbare Unterschiede hinsichtlich der beteiligten Beschränkungen und der beteiligten Kategorien erweisen sich bei genauerer Betrachtung zuweilen als Folgen unterschiedlicher Ordnungen gleicher Beschränkungen. So zeigt die Aussprache von Französisch postindustriel oder la gratitude est une vertu nicht den Bezug auf größere syntaktische Einheiten in Bündigkeitsbeschränkungen im Vergleich zum Deutschen an, sondern ist kompatibel mit der Annahme unterschiedlicher Ordnung gleicher Beschränkungen wie in (20).
- Andererseits ist Vorsicht geboten, ähnliche Funktionen wie die der Silbifizierungsdomäne (vgl. Französisch (post)(romantique), Deutsch (post)(romantisch)) als Evidenz für einheitliche Repräsentationen zu werten. Die relevanten Domäneneffekte ließen sich ebenso durch Bündigkeit mit phonologischen Wortgrenzen, Fußgrenzen oder Silbengrenzen beschreiben. Die Frage, welche prosodische Kategorie hier maßgeblich ist, erfordert eine detaillierte Untersuchung sämtlicher korrelierender Effekte. So zeigen Unterschiede in der Akzentstruktur, einschließlich des Fehlens relativer Prominenzeffekte im Französischen, dass phonologische Wörter in dieser Sprache eventuell nicht motiviert sind.
- Mit Blick auf Punkt (2) ist auch die Frage der Interaktion von Bündigkeitsbeschränkungen und phonologischen Markiertheitsbeschränkungen zu klären. Es gilt zu klären, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der unterschiedlichen Ordnungen in (20) und möglichen Unterschieden hinsichtlich der beteiligten prosodischen Kategorien.
- Eine Untersuchung von Grenzeffekten setzt die Unterscheidung von Paradigmenuniformitätseffekten voraus. Während Grenzeffekte aus den hier zu erforschenden Bündigkeitsbeschränkungen resultieren, haben Paradigmenuniformitätseffekte ihre Ursache in Bedingungen, die auf Identität bestimmter Aspekte der Lautstruktur verwandter Wörter im mentalen Lexikon abzielen.
3. Weiterreichende Relevanz der Untersuchung
3.1. Die Erkennung der morphologisch verankerten prosodischen Domänen und darauf beruhenden Bestimmung der prosodischen Organisation von Segmenten ist eine notwendige Voraussetzung für die Klärung möglicher distinktiver Funktionen von Lauteigenschaften. Die Grundannahme ist hier, dass Lauteigenschaften nur dann phonologischen Status haben, wenn sie nicht von den Lauteigenschaften benachbarter Segmente oder von der Position des Sprachlauts innerhalb der prosodischen Konstituentenstruktur abgeleitet werden können. So könnte der phonetische Unterschied zwischen [i] und [j] im Französischen als allophonisch analysiert werden, wenn die Verteilung dieser Laute von unabhängig begründeten unterschiedlichen Silbenposition abgeleitet werden könnte (Realisierung von /i/ als [i] in Nukleusposition und als [j] in Ansatzposition). Voraussetzung ist hier, dass die relevanten Silbenpositionen in etwa (18) unabhängig bestimmt sind.
Aus vorhergehenden Überlegungen ergibt sich auch, warum hier nicht wie in der kontrastiven Linguistik üblich mit einer Gegenüberstellung der Phoneminventare in den Vergleichssprachen begonnen wird. Eine solche Gegenüberstellung setzt eine Klärung der jeweiligen prosodischen Domänen zwingend voraus.
3.2. Die Bestimmung der in den jeweiligen GP-Bündigkeitsbeschränkungen beteiligten morphologischen Kategorien ist die notwendige Voraussetzung für die Erklärung kategorienspezifischer phonologischer Strukturen. Im Deutschen etwa ergeben sich hier deutliche formale Unterschiede zwischen Kopfaffixen, Affixoiden und Stämmen.
3.3. Eine detaillierte Beschreibung der Interaktion von Bündigkeitsbeschränkungen und phonologischen Markiertheitsbeschränkungen in den Einzelsprachen bildet die notwendige Grundlage für sprachvergleichende Generalisierungen. So ergeben sich mögliche übereinstimmende Präferenzen hinsichtlich der Bündigkeit bestimmter morphologischer und prosodischer Kategorien in den Vergleichssprachen. Zum Beispiel gibt es Evidenz dafür, dass modifizierende Präfixe wie post- in postindustriell in allen Vergleichssprachen stärker prosodisch markiert werden als Präfixe mit Kopfeigenschaften wie er- in erarbeiten.
Referenzen:
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Eisenberg, Peter (1998) Grundriss der deutschen Grammatik. Band 1: Das Wort. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar.
Fleischer, Irmhild und Wolfgang Barz (1992) Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen.
Johnson, Wyn (1987) Lexical levels in French phonology. Linguistics. 889-913.
Kühnhold, Ingeburg, Oskar Putzer, Hans Wellmann, u.a. (1978). Das Adjektiv. Deutsche Wortbildung. Typen und Tendenzen in der Gegenwartssprache. Pädagogischer Verlag Schwann. Düsseldorf.
McCarthy, John & Alan Prince 1993) Generalized alignment. In Geert Booij and Jaap van Marle (eds. Yearbook of Morphology. Dordrecht, Kluwer, pp. 79-153.
Nespor Marina & Irene Vogel 1986, Prosodic Phonology. Studies in generative grammar. Dordrecht. Foris.
Pulgram, Ernst (1970) Syllable, word, nexus, cursus. The Hague: Mouton.
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Raffelsiefen, Renate und Caren Brinckmann (2007) Evaluating phonological status: significance of paradigm uniformity vs. prosodic grouping effects. Proceedings of the 16th International Congress of Phonetic Sciences, Saarbrücken.
Selkirk, Elisabeth (1980) The role of prosodic categories in English word stress. LI 11: 563-605.
Selkirk, Elisabeth (1995) The prosodic structure of function words. In Jill Beckmann, Laura Walsh Dickey and Suzanne Urbanczyk (eds.) UMOP 18: Papers in Optimality Theory. Amherst, MA, GLSA, pp. 439-469.
