Grammatik
Korpusgrammatik – grammatische Variation im standardsprachlichen und standardnahen Deutsch
Projektbeschreibung, Projektziele
Begründung und Nutzerbestimmung
Theoretischer Rahmen
Datengrundlage und Methodik
Aktivitäten
Kooperationen
Mitarbeiter
Literatur
Projektbeschreibung, Projektziele
Ziel des Projekts ist die korpusgestützte Erforschung der Variation im standardsprachlichen und standardnahen Deutsch, die längerfristig eine Grundlage für die Erstellung einer Grammatik des Deutschen bilden soll, in der – entgegen der bisher in der Grammatikographie gängigen Praxis – die Variation im Sprachgebrauch gezielt fokussiert und umfassend aufgearbeitet wird. Im Rahmen des Projekts werden in erster Linie geschriebene Varietäten untersucht, eine systematische Erweiterung der Untersuchungen auf gesprochene Varietäten kann erwogen werden, wenn geeignete transkribierte Korpora der gesprochenen Sprache im ausreichenden Umfang vorliegen.
Die zentralen Aufgaben des Projekts sind zu dessen Beginn:
- die Ausarbeitung eines operationalisierbaren Konzepts der Standardsprache bzw. der standardnahen Varietäten des Deutschen und der Variationsparameter. Dieses vorläufige, gezwungenermaßen weitgehend intuitive Konzept soll lediglich als Grundlage für die Zusammenstellung des Projektkorpus dienen. Die eigentliche grammatikbezogene Charakterisierung dessen, was als Standard gelten kann, und die genaue Beschreibung der Variationsparameter werden erst im Ergebnis der Korpusuntersuchungen möglich sein und zu den wichtigen Aufgaben der Projektendphase gehören.
- die Zusammenstellung eines parametrisierten Projektkorpus auf der Grundlage der Korpora geschriebener Sprache des IDS.
- die Entwicklung von Routinen für die Korpusrecherche und die statistische Auswertung der Ergebnisse im Hinblick auf die Entwicklung von Werkzeugen und die computerlinguistische Optimierung der Arbeitsgänge durch das Projekt Texttechnologie und Datenbanken.
Das Ziel der darauf folgenden Projektphase ist:
- die Durchführung von Pilotstudien zu Variationsphänomenen auf verschiedenen grammatischen Ebenen (Graphematik, Morphologie, Syntax, Textgrammatik) sowie erste Veröffentlichungen der Ergebnisse im Internet. Den Internetveröffentlichungen wird zu einem späteren Zeitpunkt eine zusammenfassende Printpublikation folgen.
Die Endphase des Projekts schließlich wird bestimmt werden durch:
- die Ausarbeitung der Konzeption und der Gliederung einer "Korpusgrammatik", in der auf den Pilotstudien aufbauend die Erfassung grammatischer Variation innerhalb der systematischen Teilgebiete vervollständigt wird und diese miteinander in Bezug gesetzt werden.
Im Rahmen eines dezidiert korpuslinguistischen Herangehens werden bei der Untersuchung der grammatischen Variation folgende innovative Zielsetzungen verfolgt:
- ein höherer Grad an Detailtreue, der auch die Aufdeckung von bisher nicht erfassten Mustern und Strukturbildungen möglich macht,
- eine genaue Beschreibung der Frequenz und Distribution von Phänomenen relativ zu Textsorten, Registern, Varietäten (insbesondere, wenn es sich um grammatische Alternativen handelt) ggf. mit Berücksichtigung historischer Entwicklungslinien.
Begründung und Nutzerbestimmung
Die traditionelle Grammatikforschung arbeitet überwiegend kompetenzgestützt. Mit der Empirieferne geht eine häufig normativ ausgelegte Hypostasierung eines mehr oder weniger einheitlichen, wenig ausdifferenzierten Sprachsystems Hand in Hand. Will man aber nicht nur das "System" nachbilden, sondern den Sprachgebrauch in seiner Vielfalt erfassen und dabei die tatsächlich wirksamen Normen angemessen differenziert beschreiben, so sind verlässliche Informationen über die Frequenz grammatischer Phänomene in bestimmten Textsorten, Registern, Varietäten und über die mögliche Konkurrenz von Varianten zum Ausdruck einer grammatischen Funktion (wie etwa bei der Relativsatzeinleitung mit der/welcher/wo/der wo) unabdingbar. Hier setzt das Projekt an, das gezielt die Korpora geschriebener Sprache und die gereiften texttechnologischen Analysemöglichkeiten des IDS nutzt, um das Desiderat einer fundierten Korpusgrammatik einzulösen, in welcher der Vielfalt des standardnahen Sprachgebrauchs Rechnung getragen wird.
Die Ergebnisse des Projekts richten sich primär an germanistische Sprachwissenschaftler im In- und Ausland. Durch die Fokussierung auf die Variation - die in traditionellen, stärker normativen Ansätzen nicht erfasst wird und sich meist in Zweifelsfällen des Sprachgebrauchs spiegelt - dürften die Ergebnisse aber auch für die Didaktik des Deutschen als Mutter- und Fremdsprache, für wissenschaftliche und populäre Sprachkritik und indirekt auch für an grammatischen Fragen interessierte Laien von höchstem Interesse sein. Die Projektergebnisse können schließlich von Bedeutung für die maschinelle Sprachverarbeitung sein, die auf genaue quantitative Informationen über grammatische Strukturen zurückgreifen muss.
Theoretischer Rahmen
Das Projekt orientiert sich theoretisch und im deskriptiven Herangehen an der GDS und anderen grammatischen Projekten des IDS, wobei – wie schon in Systematische Grammatik (Grammis) – das robuste Format einer oberflächenorientierten Konstituentenstrukturgrammatik mit syntaktischen Funktionen und der empirische Gehalt gestärkt werden. Im Bereich der Empirie richtet sich das Projekt nach korpuslinguistischen Ansätzen aus.
Datengrundlage und Methodik
Auf der Basis der morphosyntaktisch annotierten IDS-Korpora geschriebener Sprache in ihren zukünftigen Ausbaustufen wird ein (virtuelles) Projektkorpus eingerichtet, das zentrale Textklassen sowie nationale und großregionale Varietäten des Deutschen in geeigneter quantitativer Relation repräsentiert. Angestrebt wird eine ausgeprägte Textsortenstreuung, um nicht zuletzt auch Texte in den Blick zu bekommen, in denen verstärkt mit Abweichungen vom grammatischen Standard zu rechnen ist.
Den Ausgangspunkt für die Korpusanalysen bilden die Ergebnisse der GDS, der Grammatik in Fragen und Antworten, der Konnektorenprojekte und des Valenzwörterbuchs. Es werden in diesen vorgenommene Einschätzungen und Erklärungen zu Phänomenbereichen, die sich dort als besonders variationsreich herausgestellt haben, mithilfe von Korpusanalysen überprüft, vertieft und ggf. modifiziert. Als mögliche Phänomenbereiche kommen dabei in Frage:
- Flexion (z. B. niemand – niemanden/em, sämtliche einschlägige/en Informationsquellen)
- Wortbildung (z. B. Interessebekundung – Interessenbekundung – Interessensbekundung)
- Komparation (z. B. rot – röter/roter, weitestgehend – weitgehendst)
- Rektion von Verben und Präpositionen (z. B. ich versichere Sie meiner Unterstützung – ich versichere Ihnen meine Unterstützung, wegen dem Geld – wegen des Geldes)
- Valenz von Verben, Adjektiven und Substantiven (z. B. sich um Objektivität bemühen – sich redlich bemühen, fähig zu – fähig, ein Mittel für – ein Mittel gegen)
- Kongruenz/Korrespondenz (z. B. Für Rückfragen stehen/steht Ihnen die Kundenberatung oder Herr Krause zur Verfügung)
- Bildung von Verbalperiphrasen (z. B. gemacht gehabt hat, schriebe – würde schreiben)
- Passivierbarkeit (z. B. Jetzt wird sich gewaschen! Gedanken werden gehabt.)
- Gebrauch der Tempora (z. B. sie ging/ist gegangen)
- Modus in der indirekten Rede (z. B. Er sagt, er ist/sei/wäre zufrieden.)
- Realisierungsmöglichkeiten für verschiedene Konstituenten (z. B. der Wunsch zu gewinnen – der Wunsch, man möge gewinnen – der Wunsch, dass man gewinnt)
- Wortstellung (z. B. hat erklären lassen wollen – hat wollen erklären lassen – erklären hat wollen lassen)
- Ellipsen (z. B. Man glaubt, er sei fromm. Ist er nicht.)
- Textgrammatik/Kohärenz (Mit dem Nachhilfeschüler komme ich ganz gut zurecht, während:/aber/jedoch mit dem Bruder ist es ziemlich schwierig. – Mit dem Nachhilfeschüler komme ich ganz gut zurecht, während es mit dem Bruder ziemlich schwierig ist.)
In einem eigenen Teilprojekt wird die Univerbierung als Varianzphänomen, das sich orthographisch als Getrennt- und Zusammenschreibung manifestiert, behandelt.
Aktivitäten
Die Organisation der Dritten Internationalen Konferenz "Grammatik und Korpora" (22.-24. September 2009) markierte den Beginn der Arbeiten und trug dazu bei, im Dialog mit Korpuslinguisten mit nicht nur germanistischem Hintergrund das Projekt zeitgemäß und den Forschungsdesideraten entsprechend auszurichten. Der Workshop Korpora und die Grammatik des Standarddeutschen (18. Juni 2010) beschäftigte sich mit den theoretischen Grundlagen der korpuslinguistischen Untersuchungen zum Standarddeutschen und präsentierte die ersten Ergebnisse der Projektarbeit.
Kooperationen
Das Projekt kooperiert insbesondere mit Projekten der Abteilung Grammatik. So etwa stützt es sich zu Beginn der Arbeiten zum Teil auf die in Grammatik in Fragen und Antworten entstandenen Erörterungen der grammatischen Zweifelsfälle. Im Gegenzug ermöglicht es die Präzisierung und ggf. Korrektur der dort vorgenommenen Einschätzungen und Empfehlungen, sodass sich auf diese Weise ein Bezug zu Themen einstellt, die auch von der breiten Öffentlichkeit nachgefragt werden. Daneben arbeitet es eng mit dem Projekt EuroGr@mm zusammen, in dessen Rahmen die grammatische Variation in ausgewählten Phänomenbereichen aus kontrastiver Sicht betrachtet und unter Berücksichtigung spezifischer Probleme der Nicht-Muttersprachler beschrieben wird. Und nicht zuletzt greift es auf die computerlinguistische Unterstützung durch das Projekt Texttechnologie und Datenbanken zurück.
Mitarbeiter
Marek Konopka
Anna Volodina
Katrin Hein (Doktorandin)
Reinhard Fiehler (Univerbierung)
Kerstin Güthert (Univerbierung)
Computerlinguistische Unterstützung:
Noah Bubenhofer (Texttechnologie und Datenbanken)
Roman Schneider (Texttechnologie und Datenbanken)
Kooperierend:
Hagen Augustin (EuroGr@mm)
Horst Schwinn (EuroGr@mm)
Als Projektmitarbeiter vorgesehen:
Hardarik Blühdorn (derzeit noch Sprachvergleich Deutsch-Portugiesisch: Konnektoren)
Jacqueline Kubczak (derzeit noch Neubearbeitung des Valenzwörterbuchs)
Ulrich H. Waßner (derzeit noch Handbuch der Konnektoren)
Ehemalige Mitarbeiter:
Bruno Strecker (Leitung bis Februar 2011)
Elke Donalies
Caren Brinckmann
Literatur
Konopka, Marek/Kubczak, Jacqueline/Mair, Christian/Šticha, František/Waßner, Ulrich H. (2011): Grammatik und Korpora 2009. Dritte Internationale Konferenz. Mannheim, 22.-24.09.2009. Tübingen: Narr. (Korpuslinguistik und interdisziplinäre Perspektiven auf Sprache 1)
Kubczak, Jacqueline/Konopka, Marek (2008): Grammatical Variation in Near-Standard German: a corpus-based project at the Institute for the German Language (IDS) in Mannheim. In: Šticha, František/Fried, Mirjam (eds.): Grammar & Corpora 2007. Selected contributions from the conference Grammar and Corpora, Sept. 25-27, 2007, Liblice. Praha: Academia, S. 251-260.
Strecker, Bruno/Donalies, Elke/Konopka, Marek/Kubczak, Jacqueline (2006-2011): Grammatik in Fragen und Antworten.
Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno et al. (1997): Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände, XXIX/2569 S. - Berlin/New York: de Gruyter. (Schriften des Instituts für deutsche Sprache 7)
